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Die meisten Menschen wünschen sich Zugehörigkeit zu einer liebevollen Gemeinschaft, in der sie als eigenständige Persönlichkeit  geachtet werden. Dies zu erleben ist ein großes Geschenk.

Weitere Grundbedürfnisse sind Genuss und Freude, sowie Anerkennung für die eigene Leistung. Regeln und Vereinbarungen geben uns Orientierung, um die Reaktionen der anderen Menschen besser vorherzusehen. „Wie muss ich mich verhalten, um Anerkennung und Bestärkung zu bekommen?“ Die Erwartungen der anderen können besonders leicht erfüllt werden, wenn sie klar sind und keine Überforderung darstellen.

Krisen führen oft dazu, dass Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden können und umgekehrt, wenn Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden können, führt dies zur Krise oder verschärft sie. Daraus entsteht sehr schnell ein Teufelskreis, der sich immer schneller dreht.

Beispiel Kind: Jakob (5) hat von Natur aus ein impulsives Temperament. Ruhig sitzen zu bleiben und zu warten fällt ihm deutlich schwerer als anderen Kindern seines Alters. Obwohl er sich manchmal anstrengt, fällt er doch oft negativ auf und wird geschimpft. Für ihn ist das völlig unverständlich, weil er sich doch eigentlich bemüht  hat. Irgendwann legt er sich eine dicke Haut zu. Er sagt sich: „Mir doch egal, was die anderen sagen. Die sind sowieso alle blöd!“. Wenn er nicht zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wird, kränkt ihn das trotzdem. Dann wird er zuerst traurig und schließlich wütend. Das führt dazu, dass er immer mehr in eine Randposition gerät und er sich aus Frust noch weniger bemüht sich angemessen zu verhalten. Immerhin bekommt er dann Aufmerksamkeit und fühlt sich stark. Er steckt mitten in einem Teufelskreis und findet nicht mehr heraus. 

Beispiel Paar: Johanna (40) und Martin (39) sind seit neun Jahren ein Paar. Zu Beginn waren sie voneinander fasziniert und ließen keine Gelegenheit aus, um sich mit Worten und Taten zu verwöhnen. Das hat im Laufe des Alltags abgenommen. Haushalt, Beruf, Kinder und vieles mehr fordern beide enorm. Nun werden auch die unterschiedlichen Erwartungen immer sichtbarer und beide fühlen sich zunehmend irritiert vom Verhalten des anderen. Zunächst sagt keiner etwas, doch bei der ersten Meinungsverschiedenheit bricht der ganze Frust aus ihnen heraus. Beide fühlen sich tief verletzt. Im Laufe der Zeit nehmen solche Streitgespräche zu, bei denen der eine immer lauter wird und der andere schließlich geht. Jeder fühlt sich missverstanden und einsam. 

In solchen Momenten kann eine professionelle Unterstützung sehr hilfreich sein, um zunächst einmal den Teufelskreis zu durchbrechen. Dies lässt sich oft durch den Einsatz von verhaltenstherapeutischen Strategien bewirken. Wer möchte kann anschließend den Blick auf die oben beschriebenen Bedürfnisse lenken. Wie gut sind die unterschiedlichen Bedürfnisse bei mir, meinem Kind oder Partner befriedigt? Welche Erwartungen habe ich in Bezug auf ihre Befriedigung aufgrund meiner bisherigen Lebensgeschichte? Wie gehe ich klug mit unseren Bedürfnissen um? In diesen Fragen liegt die Chance sein Leben noch reicher und sinnerfüllter zu gestalten. Somit kann eine Krise dazu beitragen zu wachsen.

In folgender Geschichte löst die gesundheitliche Krise einer Frau den Wunsch aus, sich selbst, ihre Bedürfnisse und Träume besser kennenzulernen:

Es war einmal eine Frau, die schwer erkrankt war und im Koma lag. Die Zeit verstrich, ohne dass sie wieder zu sich kam. Auf einmal erschien es ihr so, als sei sie nun tot, als befände sie sich im Himmel und stände nun vor einem Richterstuhl.

„Wer bist du?“ fragte eine Stimme.

„Ich bin die Frau des Bürgermeisters“ antwortete die Frau.

„Ich habe nicht gefragt, wessen Ehefrau du bist, sondern, wer du bist.“

„Ich bin Mutter von vier Kindern.“ entgegnete die Frau.

„Ich habe dich nicht gefragt, wessen Mutter du bist, sondern wer du bist.“

„Ich bin Lehrerin.“ gab die Frau zur Antwort und ihre Stimme schwankte etwas.

„Ich habe auch nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern wer du bist.“

„Ich bin Christin.“ sagte die Frau, nun schon ziemlich ratlos.

„Ich habe dich nicht nach deiner Religion gefragt, sondern wer du bist.“

Und so ging es immer weiter. Alles, was die Frau erwiderte, schien keine befriedigende Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ zu sein.

Die Frau war aber keineswegs tot, sondern erwachte wenig später aus dem Koma. Zum Erstaunen aller wurde sie wieder gesund. Sie beschloss nun, der Frage „Wer bist du?“ auf den Grund zu gehen und auf die Suche zu gehen, herauszufinden, wer sie wirklich war.